IN LOVING MEMORY
„Manchmal gibt es Filme, bei denen ich mich – wenn ich sie zu Ende gesehen habe – nur an die Musik erinnere.“
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INTERVIEW MIT UDO KIER
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CARLO HELLER: In den letzten Jahren hast du viel mit Lars von Trier zusammengearbeitet. Wie behandelt er nach deinen Erfahrungen das Thema Soundtrack?
UDO KIER: Also für ihn ist Musik besonders wichtig – natürlich auch für andere Regisseure – weil Musik die Atmosphäre widerspiegelt. Es gibt berühmte Filme wie von Sergio Leone – da ist die Musik bekannter als der Film; man weiß direkt, wenn man die Musik hört: Ah, das ist ein Film von Sergio Leone. Musik setzt eine Note der Stimmung. Das heißt, wenn du in einem Film siehst, dass ein Mädchen unglücklich ist und alleine in einem Wald spazieren geht, hörst du zuerst nur Vögel und Schritte, und dann plötzlich setzt die Musik ein. Diese Musik leitet dich zu dem Gefühl, das der Regisseur erwecken möchte. Meistens ist es so – wie auch bei Lars von Trier –, dass die Filmmusik komponiert wird. Das ist wie im alten Hollywoodsystem, wie etwas bei Hans Zimmer; die schauen sich den Film an, besprechen das mit dem Regisseur, und dann wird der Film musikalisch vertont. In den 50er-, 60er-Jahren war es so, dass ein Film auf einer großen Leinwand gezeigt und dazu die Musik live gespielt wurde. Heute macht man das nicht mehr. Heute kann man das alles technisch nachbearbeiten. Musik ist eine ganz besonders wichtige Ebene des Films, weil die Sprache und die Geschichte von ihr unterstützt und getragen werden. Du kannst mit Musik sogar Sachen retten. Wenn es eine langweilige Szene gibt und du Musik daraufsetzt, kann damit die Spannung wiederhergestellt werden. So hörst du nicht nur den Text, sondern auch die Musik und wirst dadurch in deinen Empfindungen geleitet.
CH: Könntest du mir erklären, welche Rolle die Wagner-Musik in dem Film „Melancholia“ spielt, die am Ende des Films intensiv zu hören ist?
UK: Damals, als ich den Film bei der Premiere mit dem Lars gesehen habe, kam zum Schluss der Knall, als die Welt unterging, der technisch so gemacht wurde, dass das ganze Kino vibrierte. Und dazu kam dann diese sehr dramatische Wagnermusik. Wagner ist immer das Dramatischste, was es überhaupt gibt, deswegen passte seine Musik genau in diesen Film. Erst kam dieser Knall, und dann sehr laut die Musik im Kino. Mit der Musik gab es den Effekt, dass die Leute sich richtig zurücksetzten in ihren Sitzen.
CH: In welchem Film ist die Filmmusik deiner Meinung nach besonders gut gelungen?
UK: Da gibt es viele Filme. Es gibt aber auch viele Filme, in denen die Musik meiner Meinung nach falsch war oder mich gestört hat. Dort hätte ich lieber Ruhe gehabt. Ruhe ist ja auch Musik. Ruhe ist ein wichtiges Element im Film. Wenn man durchgehend Musik in einem Film hätte, wäre das falsch.
CH: Wenn du Regisseur wärst und einen Film machen würdest, hättest du vorher eine bestimmte Art von Musik vor Augen?
UK: Ja und Nein. Am Anfang von Kubricks „2001“ finde ich die Strauss-Musik sehr schön. Ich würde mir auf jeden Fall darüber Gedanken machen. Nicht nur, wer spielt – das ist ja die wichtigste Entscheidung, welcher Schauspieler das spielt –, sondern auch über die nächste Ebene, die das Gespielte unterstützt. Musik unterstützt im Film. Die klassische Musik ist natürlich meistens spektakulär, weil man ein großes Orchester hat. Etwas Ruhiges und Kleines hätte bei Kubrick‘s „2001“ gar nicht gepasst. Wenn die Musik so pompös ist, gehst du mit ihr mit und fällst auch wieder zurück, sobald die Musik endet.
CH: Manchmal sehe ich Filme, in denen Musik vorkommt, die ich mit in meinen Alltag nehme, indem ich sie auf dem Klavier spiele.
UK: Wenn man das kann. Du kannst das ja (lacht)! Ich kann das nicht...
CH: Kennst du das Phänomen, dass Filmmusik dich über den Alltag hinaus begleitet? Wenn ja, welche ist es? Was ist so besonders für dich daran?
UK: Für mich ist es so, dass ich jetzt keine einzelnen Stücke nennen kann, weil ich selber so viele Filme gemacht habe. Wenn ich ins Kino gehe oder mir einen Film angucke, lasse ich mich von der Musik leiten. Bei Animationen ist die Filmmusik noch wichtiger. Es sind ja Figuren, die gezeichnet oder anders erstellt werden und wodurch die Filmmusik besonders stark zum Tragen kommt. Ich kann dir jetzt kein Stück nennen, weil ich mich dafür zurückziehen und darüber nachdenken müsste. Jetzt bei diesem wunderbaren Essen hier bei euch heute Abend kommt das auch überraschend (lacht). Es gibt wunderschöne Musik. Manchmal gibt es sogar Filme – wenn ich sie zu Ende gesehen habe – bei denen ich mich danach nur an die Musik erinnern kann. Dann gibt es ein Stück, was ich in den Ohren habe und mir später auf einer Schallplatte anhöre, weil es mir so gut gefällt.
CH: Hättest du eine Empfehlung für junge Leute, wie mich, die Filmmusik gerne komponieren würden?
UK: Wenn du einen Film gemacht hast oder etwas vor Augen hast, dann musst du etwas suchen, komponieren oder finden, was zu der jeweiligen Dramaturgie der Situation passt. Dabei sind allein schon die Geräusche wichtig, weil auch sie eine eigene Tonebene bilden. Zusammen mit dem Soundtrack entsteht eine wesentliche Tragfläche für eine filmisch erzählte Geschichte. Wenn du komponierst, hast du ja Bilder vor Augen, die dazu passen. Sommer hat eine andere Musik als Winter.
Februar 2015